Dr. Barbara Lichtenthäler

Leiterin des Bereichs Religionsangelegenheiten, Staatskirchenrecht
im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg


Ansprache zur Eröffnung
der Europäischen Melanchthon-Akademie
am 07. November 2004
Gedächtnishalle des Melanchthon-Hauses in Bretten


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Werte Festgemeinde, geehrte Herren und Damen,

zunächst überbringe ich Ihnen die Grüße und guten Wünsche für eine erfolgreiche Arbeit der Europäischen Melanchthon-Akademie von Frau Kultusminister Schavan!

Melanchthon - der praeceptor Germaniae als instructor Europae?

Das Fragezeichen wird auch zum Ende meiner Ausführungen stehen - bedingt zum einen durch den Respekt vor Ihrer geduldigen Aufmerksamkeit, zum anderen und vor allem aber deshalb, weil die Arbeit der Melanchthon-Akademie erst begonnen hat.
In diesem Rahmen möchte ich nur drei Gedanken zum Wirken und zur Aktualität Melanchthons in Sachfragen unserer Zeit und für unsere Zukunft nachgehen.

I.

Am 29. Oktober 2004 haben die europäischen Staats und Regierungschefs die europäische Verfassung, genauer den europäischen Verfassungsvertrag, unterzeichnet.

In der Präambel verweisen die Staatschefs der 25 Mitgliedstaaten auf die "Inspiration des kulturellen, religiösen und humanistischen Erbes Europas ..., aus dem sich die universalen Werte der unverletzbaren und unveräußerlichen Rechte des Menschen, der Demokratie, der Gleichheit, der Freiheit und des Rechtsstaats entwickelt haben ...".

Für viele mag dieses Zitat Anlass sein, zum wiederholten Male das Fehlen eines eindeutigen Gottesbezugs in diesem europäischen Verfassungswerk zu beklagen. Aber geht es wirklich darum, eigene nationale Moral- oder Wertvorstellungen kompromisslos in europäische Dimensionen abzubilden?

Selbst wenn man - wie Jan Ross kürzlich in der ZEIT - meinte, die Europäische Union als Rechts- nicht als Gesinnungsgemeinschaft bezeichnen muss, bleiben Gewissensfreiheit, Meinungs- und Religionsfreiheit jedem verbürgte unantastbare Rechte. Wie schwierig der Umgang gerade im europäisch-öffentlichen Raum damit ist, das hat die pikanterweise gerade während der Vertragsunterzeichnung schwelende Krise in der Europäischen Kommission gezeigt. Sie verweist uns darauf, dass es eben nicht nur um den institutionellen Rahmen geht, sondern um die Menschen, die ihn gestalten und die in ihm leben als von ihrer jeweiligen kulturellen Tradition Geprägte.

Und damit stoßen wir auf das Europäische an der Europäischen Union, das sich nicht in einer geographischen Einheit widerspiegelt, sondern in langer Geschichte gewachsen ist: Das sittlichkulturelle Bewusstsein, wesentlich durch das Christentum geformt. Senken wir also nicht den Kopf ob der vermeintlichen politischen Niederlage. Machen wir uns eher als Christen Gedanken darüber, wie wir als Europäer den Wirkungszusammenhang zwischen Christentum und (europäischen) Verfassungsstaat leben und gestalten können!

Josef Isensee hat in einer Betrachtung zum verfassungsstaatlichen Erbe der Aufklärung in Europa darauf hingewiesen, dass das Evangelium weder staatspolitisches Programm sei noch ein sozialethisches System enthalte. Und umgekehrt bedeute die Feststellung, dass der Verfassungsstaat ein Derivat des Christentums ist, nicht, dass diese politische Form die einzig mögliche, die zwingende Konsequenz des Christentums sei.
Aber eben darin liegt die Stärke des Christentums: Da es kein eigenes Staatskonzept mitbringt, kann es in eine wechselwirksame Auseinandersetzung mit anderen Ordnungen treten - das aber ist nicht etwa die akademische Erkenntnis eines neuzeitlichen Juraprofessors, sondern Kern der von Philipp Melanchthon 1540 (!) formulierten Staatstheorie:

"Die Christen sind nicht an die sozialpolitische Ordnung des Mose oder die eines anderen Volkes gebunden. Vielmehr sollen wir jeweils an unserem Ort der Obrigkeit und den gegebenen Gesetzen gehorchen, soweit sie mit dem Naturrecht übereinstimmen und nichts gegen die Gebote Gottes vorschreiben." (Im Kommentar über die Unsterblichkeit der Seele).

Gleichzeitig geht es ihm darum, das Moralgesetz als "ewige und unveränderliche Richtschnur im Bewusstsein Gottes" zu leben und in jeder Ordnung deutlich zu machen. Für Melanchthon ist dabei die klare Handlungsmaxime: "Freiheit - das ist das Christentum". Eberhard Jüngel hat diese Freiheit des Philipp Melanchthon als eine "herrliche, erlösende und hilfreiche Freiheit" bezeichnet, die ganz auf Gottvertrauen gegründet ist.
Mit dem so verstandenen Handlungsappell Melanchthons auch für europäische staatliche Herausforderung gerüstet, sind wir aufgefordert, die Inspiration des humanistischen Erbes zu dokumentieren und erlebbar zu machen.

II.

Ein breiter Schwerpunkt der forschenden Akademiearbeit soll die Würdigung Melanchthons als "Ökumeniker der Reformation" als "Vater der Ökumene" sein.
Fragen der Versöhnung, des Ausgleichs zwischen Protestanten und Katholiken zu klären, daran arbeiten viele kompetente Menschen in theologischer Wissenschaft und Praxis auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Dabei geht es in der Theologie wohl um mehr als eine Auseinandersetzung und Klärung des durch "Philippismus" getrübten Abendmahlsweins. Es geht vielmehr um die zukunftsgerichtete Gestaltung kirchlicher Einheit als der inneren Freiheit des Herzens, die auch äußerlich frei macht, eine wesentliche Antriebsfeder von Melanchthons Handeln.

Der Weg dahin mag lang sein, Gespräche müssen sicherlich einige und intensive geführt werden. Solche Gespräche, regelrechte Religionsgespräche um den "rechten Glauben", gab es gerade auch zu Zeiten Melanchthons. Der Reformator suchte darin nach Kompromissen und legte die gefundenen Ergebnisse in den Bekenntnisschriften, darunter auch die Confessio Augustana als Wesentliche, nieder. Auf sie werden noch heute die Pfarrer ordiniert.

Melanchthons meisterhafte Verhandlungsführung, besonders auf dem Augsburger Reichstag, und seine Überzeugungskraft verdanken sich seinem hohen Sachverstand und vor allem seiner innerlich gefestigten Überzeugung, geprägt von seinem Wahlspruch: "Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?" (Römer 8, 31).

Derartigen Sachverstand und innere Festigung sollte man als selbstverständlich voraussetzen können, wenn es heute um den vielseits beschworenen "Dialog der Kulturen" geht, der - historisch gesehen - den "Dialog der Religionen" einschließt. Auch dazu will die Europäische Melanchthon-Akademie beitragen.
Institutionen und Politik können einen solchen Dialog nicht führen. Dialog ist gebunden an menschlichen Austausch. Und wenn es darum geht, sollte jeder auf seiner Seite eine Überzeugtheit, eigenes Wissen und eigene Standpunktfestigkeit vorweisen können. Das ökumenische Gespräch mag dazu eine wertvolle Facette beitragen: Auch Andersgläubige haben Wahrheitsrechte, die wir grundlegend kennen und über die wir uns sachkundig machen sollten. Und wer mit diesem Grundwissen in einen wirklichen Dialog eintritt, der tut es ohne Scheu und - um es mit Hans-Georg Gadamer zu formulieren -, "der lässt sich darauf ein, dass der andere vielleicht Recht haben könnte".

Eine solchermaßen verstandene grundlegende Aufarbeitung von Ökumene und ökumenischem Gespräch ist vor allem deshalb zu begrüßen, weil nur so, durch aktives Kennen und Verstehen, durch das Bewusstsein von der eigenen, vor allem auch religiösen, Identität wirkliche Toleranz gefördert werden kann.

Fremde Kulturen prägen seit langem unser gesellschaftliches Bild. Das Zeitalter des Kennenlernens und folklorehaften Flirtens ist längst vorbei. Es geht vielmehr um ernsthafte Auseinandersetzung, um das Formulieren verbindender Werte und Gemeinsamkeiten und um einen gelebten Respekt vor dem Anderen. Das ökumenische Gespräch trägt wesentlich zur Herausarbeitung von Gemeinsamem bei. Es setzt eine Kenntnis anderer Bekenntnisse und Religionen voraus. So leistet es einen wesentlichen Beitrag zu interreligiösem und interkulturellem Dialog und gelebter Multireligiosität.


III.


Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen interreligiösen Dialog ist damit auch das Verstehen von Glaubensinhalten, vermittelt durch religiöse Erziehung. Mit diesem Stichwort möchte ich noch ein letztes lohnendes Stichwort zum Wirken Philipp Melanchthons aufgreifen: Humanitas als Inbegriff einer umfassenden Bildung und einer vor allem durch Toleranz und Neugier ausgezeichneten pädagogischen Tradition.

Melanchthons Bemühungen, das Hoch- und Lateinschulwesen zu erneuern, waren es, die ihm den Titel "Praeceptor Germaniae" eintrugen. In Reaktion auf die Auflösung von Klöstern und Stiften verband er humanistisches Bildungsgut mit dem Protestantismus. Im Zuge der von ihm angestrebten Vereinheitlichung des Bildungswesens ordnete er die religiös-theologische Gelehrtenbildung der Humanistischen unter, denn: Für den neu eingeführten Unterricht brauchte man neue Lehrer!

Auf Melanchthons Verdienste als Neuorganisator von Kirchen- Schul- und Hochschulwesen fällt unter aktuellen Bezügen ein neues Licht, dem intensiver nachzuspüren sich lohnen dürfte.
In diesem Rahmen nur zwei Gedanken:
Zunächst die erstmalige Einführung des Religionsunterrichts in das allgemeine Schulwesen, aus der Erkenntnis, dass "ohne Recht und Gesetz und ohne Religion weder staatliche Gemeinschaften aufrechterhalten noch Vereinigungen von Menschen zusammengeschweißt und regiert werden können" (aus der Rede Melanchthons zur Eröffnung der neuen Schule in St. Egidien zu Nürnberg am 23. Mai 1526).

Dem "Zusammenschweißen" lässt sich wohl modern "Integration" gleichsetzen, und so lassen sich Gedanken zur Integrationsleistung von Religionsunterricht - aktuell entzündet an der Einrichtung von Religionsunterricht für muslimische Kinder und Jugendliche - anknüpfen.

Doch auch der Ökumenegedanke hat beim Religionsunterricht kirchenpolitisch an Bedeutung gewonnen, beteiligen sich doch auch die Evangelischen Landeskirchen an Überlegungen, den Religionsunterricht als ordentliches Unterrichtsfach zu stärken. Gerade hier wird - unter Wahrung des eigenen Bekenntnisstandpunktes - um das Verbindende und das, was Kindern und Jugendlichen in ihrer Glaubensneugier vermittelt werden sollte, gerungen.

Ein zweiter Gedanke: Wir leben im Zeitalter von PISA-Studien und der Bestimmung neuer Bildungsstandards. Humanistische Bildungsideale scheinen angesichts moderner Schlagwörter wie "Kernkompetenzen" und "Schlüsselqualifikationen" nur noch ein fragmentarisches Dasein zu führen. Doch bei genauerem Hinsehen sind sie wohl nicht so weit ab davon.
"Orientierungswissen", verstanden im Sinne einer Befähigung zum Umgang mit komplexen Sachverhalten und der Fähigkeit zur Reduktion, ist das so viel anderes als fundamentale Formen sprachlichen oder moralisch wertenden Weltverständnisses im Sinne humanistischer Bildung?

Gerade angesichts gewachsener Komplexität unserer Alltagswelt ist fundamentale, wertorientierte Bildung notwendiger denn je. Und ein Rückgriff auf den pädagogischen Anspruch Melanchthons scheint auch nicht deswegen verkehrt oder vergeblich, weil er - wie Hans Magnus Enzensberger ("Über die Ignoranz", in: Mittelmaß und Wahn, 1988) vergleicht - für seine Alltagsbewältigung weniger habe wissen und kennen müssen als eine Friseurin unserer Zeit: letztere dürfte allerdings in den seltensten Fällen Aristoteles zitieren müssen!

Das eingangs beschriebene "Mandat eines europäischen Christenmenschen", das Erlernen und Erfahren des eigenen religiösen Standpunkts - auch und gerade im interreligiösen Dialog -, die Erfahrung komplexer Lebenssachverhalte: Sie alle sind letztlich durch eins charakterisiert: Das Wissen um die eigene Herkunft oder, um mit Karl-Heinz Bohrer zu sprechen, die "Fernerinnerung". Oberkirchenrat Nüchter hat es eben im Gottesdienst so formuliert: "Zukunft braucht Herkunft!" Erfahrung und Erinnerung sind notwendig, um Zukunft gestalten zu können.

Vielleicht liegt in der Proklamation des Orientierungswissens auch die Chance einer Wiederbelegung humanistischer Bildungsideale, wenn Effizienz- und Zeitmanagement-Kriterien von der Notwendigkeit verdrängt werden, eigene Vorstellungen aktiv in die Gestaltung unserer Gesellschaft einzubringen: Die europäische Dimension - auch der eingangs zitierte Humanismus-Gedanke der Verfassungspräambel - stellt insoweit eine künftige Herausforderung dar: Stringenter und auch selbstbewusster das einzubringen, was dem jeweiligen Staat national bedeutsam ist und seine Eigenart ausmacht. Kulturelle Traditionen und historische Kenntnisse sind wieder gefragt!

Die Europäische Melanchthon-Akademie hat sich in diesem Sinne wegweisende Aufgaben vorgenommen.

Ich wünsche den sie leitenden Verantwortlichen, den Lehrenden und Gelehrten die sich dem Akademie-Gedanken verpflichtet haben, einen guten, von Neugier getriebenen Spürsinn, eine Wirkung mit Widerhall und in diesem Sinne, dass sie erfolgreich dem von Melanchthon gelebten Aufruf des Horaz folgen:

Sapere aude!